Die biblische Geschichte von der Begegnung Jesu mit einem Vater und seinem epileptischen Sohn. Eine Predigt über Markus 9, 14-29*

Dieter Janz

Predigt zum "Tag der Epilepsie", gehalten in der Peterskirche zu Heidelberg am 6. Oktober 1996

Liebe Universitätsgemeinde, liebe Teilnehmer der Epilepsie-Tagung!

Die Geschichte, die Markus erzählt, ist dramatisch und rätselhaft. Dramatisch, weil es sehr heftig in ihr zugeht und alle Beteiligten unter höchster Spannung stehen. Und rätselhaft, weil Fragen gestellt werden, die man aus der Geschichte allein kaum verstehen, geschweige denn beantworten kann.

Es beginnt mit einem Streitgespräch. Worüber die Jünger mit Schriftgelehrten streiten, ist nicht schwer zu erraten..

"Ein Mann aus dem Volk" hatte seinen kranken Sohn zu Jesus gebracht und in seiner Abwesenheit zunächst einmal den Jüngern vorgestellt. Als Jesus dazu kam, befanden sie sich vermutlich gerade in einer lebhaften Diskussion darüber, was dem Jungen fehlt und wie ihm zu helfen sei. Sehr wahrscheinlich hatten sie auch schon Behandlungsversuche gemacht, um den "Geist" - so wie sie das gelernt hatten - auszutreiben. Aber das war nicht gelungen, der Geist rührte sich nicht, "sie konnten es nicht". Warum? Das bleibt eine der Fragen.

Als Jesus das hört, fährt er aus der Haut: "Wie lange soll ich Euch ertragen?" Aber man versteht eigentlich nicht, warum er so zornig wird. Da die Jünger kaum, dass er sie mal eine Zeitlang allein gelassen hatte, versagt haben, muss ihn tief getroffen, seine Erwartungen tief enttäuscht haben. Aber worin haben sie versagt? Wenn sein Ausruf "oh, du ungläubiges Geschlecht" die Jünger betrifft, was war das Ungläubige im Verhalten der Jünger? Auch das ist eine Frage, auf die der Text allein keine Antwort gibt.

Der Vater beschreibt sehr bewegt und fast atemlos, was seinem Sohn immer wieder zustösst. Aus seiner Beschreibung kann man heute wie zu allen Zeiten eindeutig erkennen, dass es sich um grosse epileptische Anfälle handelt, um Grand mal bzw. generalisierte tonisch-klonische Krampfanfälle, wie sie in der Fachsprache genannt werden: Dass er "plötzlich aufschreit" (Lukas 9, 39) und bewusstlos wird, was daraus hervorgeht, dass er nicht mehr sprechen kann ("stumm"), und unansprechbar wird ("taub"); dass er zu Boden stürzt, dass es ihn packt und reisst, dass er starr wird, mit den Zähnen knirscht, Schaum vor dem Mund bekommt und dass er in Lebensgefahr gerät, wenn er dabei in Feuer oder ins Wasser fällt.

Wie ein Arzt hört sich Jesus die Anfallsbeschreibung an, lässt dann den Kranken kommen, sieht selber einen Anfall und ergänzt noch die Anamnese durch die Frage, wie lange das schon geht, bevor er handelt. Es liegt so viel Kompetenz und Angemessenheit in seinem Verhalten, nass ich mich als Arzt trage, ob sein Unmut über die Junger nicht zum Teil wenigstens darauf zurückzuführen war. dass sie sich nicht so verhalten, so gefragt, so beobachtet und zugehört haben, bevor sie ihre Rezepte zur Anwendung brachten. Erfahren wir es nicht selber tagtäglich, dass Vorschläge und Ratschläge, Beruhigungen und Tröstungen gegeben werden, bevor gründlich und kompetent gefragt, zugehört und beobachtet wurde, was eigentlich los ist und wo eigentlich die Not liegt, die eigentliche Not?

Unsere Vermutung ist nicht ganz grundlos, denn als alles vorbei ist und sie mit ihm alleine sind, fragen ihn die Jünger, was sie falsch gemacht haben. Dass sie überhaupt danach fragen lässt erkennen, dass sie es sich im Grunde zugetraut hatten. Sie hatten ja gelernt, mit Krankheiten umzugehen (Matthäus 10,1). Jesus antwortet verblüffend einfach, nüchtern und rätselhaft zugleich: "Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten und Fasten". Da Jesus die Art von "Besessenheit", an der der Knabe leidet, klar unterscheidet von anderen Arten beweist, dass er die Differentialdiagnostik genau beherrschte. So geht er z.B. auch mit der Krankheit des Geraseners (Markus 5), bei der es sich vermutlich um eine Psychose handelt, ganz anders um, indem er diesen Geist nach seinem Namen fragte, um ihn dementsprechend anreden und vertreiben zu können. Jesus wusste also, dass es sich bei dem von dem Vater (bei Matthäus)auch als mondsüchtig bezeichneten Knaben nicht um irgendeine Besessenheit (oder gar nur um irgendeine Not oder Krankheit, womit sich Laien und leider oft auch Seelsorger oft genügen lassen, sondern dass es sich bei "dieser Art" um Epilepsie handelt. Jesus macht Unterschiede in Noten und Krankheiten, die die Jünger wohl nicht gemacht haben. Das macht uns aufmerksam darauf, auch seine therapeutischen Empfehlungen ernst zu nehmen.

Aber "Beten und Fasten"? Das klingt ziemlich altmodisch. Epilepsie behandelt man doch heute mit Medikamenten, und oft sehr wirksam, wie wir wissen. Manche Anfallskranke profitieren sogar von einer Operation. Aber "Beten und Fasten"?

Machen wir es nicht wie die Jünger, die die Krankheit nicht genau und die Jesus nicht ernst nahmen. Hören wir genau zu:

Mit der Empfehlung des Fastens steht Jesus medizinisch durchaus auf der Höhe seiner Zeit. Denn "Fasten" steht hier für Diätetik. Diätetik meint eine gesunde Lebensweise schlechthin, die Umkehr von schlechten Gewohnheiten zu einer neuen, heilsamen Ordnung alter Lebensvorgänge. Mit diesem Rat ist aber Jesus durchaus auch auf der Höhe unserer Zeit. Denn eine konsequente Ordnung des Lebens und Enthaltsamkeit von allen schädlichen Einflüssen gehört heute zu jeder modernen Epilepsietherapie. Diätetik ist in nicht wenigen Fällen sogar allein wirk- und heilsam.

Aber Jesus hat den Kranken ja gar nicht fasten lassen, hat er ihn etwa nicht geheilt? Ich meine, dass es in dieser Geschichte in der Tat nicht auf Heilung, jedenfalls nicht in medizinischem Sinne ankommt, da sie keine Erzählung von einer Wunderheilung ist. Denn der Apostel wie die Gemeinde wie alle einigermassen Gebildeten zu alten Zeiten wussten und wissen, dass Epilepsie ein Leiden mit Krisen ist, die sich wiederholen. Auch den Zeitgenossen Jesu musste klar sein, dass ein Wiederaufstehen nach einem epileptischen Anfall keinerlei prognostische Bedeutung hat und jedenfalls viel weniger besagt, als wenn ein Blinder wieder sehen und ein Lahmer wieder gehen kann. Ohne eine Katamnese, ohne die Kenntnis vom weiteren Verlauf der Erkrankung ist die Heilung einer Epilepsie nicht zu bezeugen. Wenn es also nicht auf die Heilung ankommen kann, die übrigens nur von der Perikopen-Überschrift behauptet wird, so muss in der Erzählung ein anderer Sinn verborgen sein, aber welcher, das ist wieder eine aus der Geschichte allein nicht zu beantwortende Frage.

Und wie steht es mit dem Beten? Wie geht das vor sich? Es ist bezeichnenderweise nicht der Kranke selbst, wie man denken sollte, der bittet, sondern der Vater, der stellvertretend für seinen Sohn bittet. Wir kennen das besonders bei Epilepsie, dass nicht die Kranken selber, die oft nicht unmittelbar leiden, weil sie von den Anfällen selbst nur wenig mitbekommen, sondern ihre Angehörigen, die die Anfälle schmerzlich miterleben, auf Hilfe dringen. Es erscheint daher ganz natürlich, dass er Jesus anspricht, "erbarme dich unser und hilf uns!". Denn der Kranke und sein Vater sind in der gleichen Not. Wir sollten uns, wenn wir - wie es in der gesamten Christenheit seit eh und je Brauch ist - den Gottesdienst mit dem Kyrie eleison beginnen, daran erinnern, dass wir es mit der Bitte tun, die der Vater des epileptischen Knaben für sich und seinen Sohn einstmals an Jesus gerichtet hat. Aber auch daran, dass zu der Bitte noch etwas hinzukommen muss, um wirksam im ein Gebet zu werden: Vertrauen. Denn auf die Zweifel, ob er das auch könne. die die Bitte begleiten, erklärt Jesus ganz einfach: "Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt". Dieses kühne Wort muss für Jesus wie für den Vater gelten. Für Jesus, weil er damit sein Zutrauen bekundet, für den Vater, der daran unmittelbar Jesu Kraft erkennt. Denn mit einem Schrei bricht es daraufhin aus dem Vater hervor: "Ich glaube, hilf meinem Unglauben." Er schreit das ebenso heraus wie sein Sohn schreit, als er dann von Jesus angesprochen in einem erneuten Anfall zusammenbricht. Für der Schrei und den Schrei des Sohnes gebraucht Markus das gleiche Wort. Beide sind von Jesus herausgefordert, der Gebetsschrei des Vaters und der Initialschrei des "Geistes", in einem bedeutungsvollen Einklang miteinander verbunden.

Eugen Drewermann, der umstrittene katholische Theologe, hat an dieser Stelle auf den Abgrund von Not hingewiesen, der verständlich werde, wenn man sich den Zwiespalt vorhalte, in den Vater und Sohn durch das jahrelange Leiden hineingeraten sein mögen. Es verlange nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, wie dieser ständige Widerspruch zwischen Fürsorge und Ohnmacht sich zu einem äusserst labilen Verhältnis von Vater und Sohn ausgestaltet haben wird. Es entspricht durchaus der Erfahrung, dass sich im ständigen Auf und Ab zwischen Zuversicht und Verzweiflung ein Klima bildet, in dem die Kranken Forderungen an sich gerichtet fühlen, denen sie nicht gewachsen sind und die sie daher mit ohnmächtiger Wut und Verzweiflung erfüllen, die sie aber angesichts der sie umgebenden Fürsorge nicht loswerden können. Wie andererseits im Vater dem Sohn gegenüber eine "Mischung aus Wohlwollen und Ablehnung, aus Verantwortungsbewusstsein und Ohnmacht, aus Überfürsorge und Hass" entsteht, die zu einem "unentrinnbaren Teufelskreis" führt. Indem der Junge mit seiner Krankheit den Teufel im Leibe zu haben scheine, mache er seinem Vater das Leben buchstäblich zur Hölle. So beschreibt Drewermann die Tiefe der Not, aus der der Schrei nach Erbarmen kommt. Vernimmt man in diesem Schrei die Qual, dann versteht man, wie die Antwort, die Jesus gibt, den Teufelskreis durchbricht und die eigentliche Not heilt: "Alle Dinge sind möglich dem, der vertraut". Offenbar kommt es auch zum Heil des epileptischen Knaben darauf an, dass der Vater selber in einem unbedingten Vertrauen sich festzumachen lernt - in einem Vertrauen, das ihn selber davon befreit, gegen die Krankheit seines Kindes ankämpfen zu müssen.

Wenn das mit Gebet gemeint war, nämlich glauben und Glauben wecken, so ist man einer Antwort näher gekommen auf die beiden Fragen, was die Jünger nicht konnten und worüber Jesus so unwillig wurde. Aber es entstehen damit neue Fragen, was ist mit Glauben und Unglauben gemeint, was sollten die Jünger glauben und was konnten die Jünger nicht glauben? Wir wissen, dass die Jünger nicht verstehen konnten und wollten, dass "des Menschen Sohn viel leiden müsse, verachtet, getötet und nach drei Tagen auferstehen werde", was er ihnen wenige Tage zuvor angekündigt hatte. Sie hatten eine andere Vorstellung von einem Heiland, der die Welt in Ordnung bringt, von einem Messias. der ein Gottesreich auf Erden gründet und ihnen einen angesehenen Platz darin zuweist. Wer verstünde das nicht und wer erinnert sich nicht an ähnliche Utopien aus jüngster Zeit mit säkularem Vorzeichen?

Zu der Zeit, in der sich diese Begegnung mit dem epileptischen Knaben und seinem Vater ereignet, befinden sich die Jünger mit Jesus in einem tiefen Konflikt. Sie wissen, bezeugen es und drei von ihnen, Jakobus, Petrus und Johannes, haben es unmittelbar zuvor auf dem Berg Tabor von einer himmlischen Stimme gehört, dass Jesus Gottes Sohn sei, wollten aber nicht wahrhaben. dass das nicht ein Himmelreich auf Erden bedeutet, sondern für ihn Leiden und Verachtung, endlich Tod und dann Auferstehung, und für die Welt und jeden einzelnen dadurch Befreiung von Not und Schuld. Als das die Jünger nicht wahrhaben, nicht verstehen wollen, begegnet ihnen einer (von uns - möchte ich sagen -), der viel leidet, im Anfall wie zu Tode kommt, und danach wieder aufersteht, und es begegnet ihnen mit dem Vater wieder einer von uns, den vertrauender Glaube von seiner Not und Bedrängnis befreit, entlastet, erlöst.

Könnte etwas geeigneter sein, den Weg, den Jesus zu gehen hat und die Aufgabe, die er übernommen hat, zu verdichten, zu symbolisieren, als diese Begegnung mit dem epileptischen Knaben und seinem Vater? Die Geschichte ist daher weniger eine Wundererzählung, als ein Gleichnis für Erlösung durch Glauben.

Aber die Jünger konnten oder wollten auch danach nicht. Als er ihnen kurz nach dieser Begegnung zum zweiten Mai sagte. welchen Weg er zu gehen habe, "verstanden sie das Wort nicht" heisst es im Text, "und fürchteten sich, ihn zu fragen".

Die Jünger sind auch wir, oder wollen es doch sein. Wer sich zu fragen fürchtet, der weiss schon die Antwort, der möchte sie nicht wissen, will nicht wissen, was er schon weiss: Und macht das nicht Angst, wenn man es ernst nimmt, was Jesus verlangt: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich. Denn wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren. und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten. Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nehme doch Schaden an seiner Seele? Denn was kann der Mensch geben, damit er seine Seele löse?" Er kann - wie wir jetzt wissen vertrauen, glauben. Und wir - wenn wir wollen - können jetzt mit dem Vater - je nach unserer Not rufen, schreien, beten: "Wir glauben, Herr, hilf unserem Unglauben".

Amen.

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* Und sie (Jesus mit Petrus, Jakobus und Johannes) kamen zu den Jüngern und sahen eine grosse Menge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten.

Und sobald die Menge ihn sah, entsetzten sich alle, liefen herbei und grüssten ihn, und er fragte sie: Was streitet Ihr mit ihnen? Einer aber aus der Menge antwortete: Meister, ich habe meinen Sohn hergebracht zu Dir, der hat einen sprachlosen Geist. Und wo er ihn erwischt, reisst er ihn. Und er hat Schaum vor dem Mund und knirscht mit den Zähnen und wird starr, und ich habe mit Deinen Jüngern geredet, dass sie ihn austreiben sollen, und sie konnten's nicht.

Er aber antwortete ihnen und sprach: 0 du ungläubiges Geschlecht, wie lange soll ich bei Euch sein? Wie lange soll ich Euch ertragen? Bringt ihn her zu mir!

Und sie brachten ihn zu ihm. Und zugleich als ihn der Geist sah, riss er ihn. Und er fiel auf die Erde, wälzte sich und hatte Schaum vor dem Mund.

Und Jesus fragte seinen Vater: Wie lange ist's, dass ihm das widerfährt?

Er sprach: Von Kind auf. Und oft hat er ihn ins Feuer und ins Wasser geworfen, dass er ihn umbrächte. Wenn Du aber etwas kannst, so erbarme Dich unser und hilf uns!

Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst: Wenn Du kannst - alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt.

Sogleich schrie der Vater des Kindes: Ich glaube -, hilf meinem Unglauben!

Als nun Jesus sah, dass das Volk herbeilief, bedrohte er den unreinen Geist und sprach zu ihm: Du sprachloser und tauber Geist, ich gebiete Dir: Fahr von ihm aus und fahre nicht mehr in ihn hinein.

Da schrie er und riss ihn sehr und fuhr aus. Und der Knabe lag da wie tot, so dass die Menge sagte: Er ist tot.

Jesus aber ergriff ihn bei der Hand und richtete ihn auf und er stand auf.

Und als er heimkam, fragten ihn seine Jünger für sich allein: Warum konnten wir ihn nicht austreiben?

Und er sprach. Diese Art kann durch nichts ausfahren als durch Beten und Fasten.