Das anfallskranke Kind in der Familie

Das Leben mit epilepsiekranken Kindern ist im allgemeinen nicht viel anders als mit Kindern die nicht unter Anfällen leiden. Die Kinder sind ganz normale kleine Menschen die lediglich im Bereich der Gesundheit mehr Fürsorge benötigen. Das Mikrosystem Familie, als kleinste Form einer Sozialgemeinschaft, kann dabei wichtige Impulse geben um ihren Kindern ein erfülltes und würdiges Leben auch mit der Krankheit Epilepsie zu ermöglichen.

Die Erziehung von Kindern ist, wie sicher alle Eltern bestätigen können, keine einfache Aufgabe. Dies gilt in besonderem Maße für kranke Kinder. Beim anfallskranken Kind kommt erschwerend hinzu, daß die Epilepsie wie kaum eine andere Krankheit mit vielen Vorurteilen belastet ist. Die Diagnose des Arztes: "Ihr Kind hat Epilepsie", ist für viele Eltern ein schockierendes Ereignis. Die Angst nicht mit der Krankheit des Kindes umgehen zu können, die Frage wie werden Verwandte, Freunde oder Nachbarn reagieren und wie wird die Zukunft des anfallkranken Kindes einmal aussehen, belastet die Familien sehr. Der meist überraschende und oft dramatische Beginn der Erkrankung, die Informationsdefizite und die damit verbundenen falschen Vorstellungen, lassen viele Eltern verzweifeln, obwohl die Epilepsien im Kindesalter gut zu behandeln sind und die überwiegende Mehrheit der Kinder ohne große Einschränkungen ihr Leben gestalten können.

Für die Gruppe von mehrfachbehinderten, schwer epilepsiekranken Kinder ist die Situation jedoch deutlich anders. Diese Kinder stellen größte Ansprüche an die seelischen und körperlichen Kräfte der Eltern. Dazu kommt, daß es bei den therapeutisch schwierigen Epilepsien (z.B. BNS, LGS) des Kindesalters, trotz enormer Bemühungen um eine erfolgreiche Erziehung der Kinder, die Enttäuschung über die nur kleinen Entwicklungsfortschritte und schließlich die Erkenntnis in die nur begrenzten Möglichkeiten, aus eigener Kraft erfolgreich Hilfe leisten zu können, es zu einer massiven chronischen Überforderung (besonders der Mütter) kommen kann. Derart überlastete Eltern sind kaum in der Lage die Situation ihrer Kinder zu beurteilen um Fehlentwicklungen entgegenzuwirken.

Die geschilderten Aspekte führen häufig zu Erziehungsfehlern die später kaum wieder gut zu machen sind. Ein großes Problem ist die Überfürsorge [5] von Eltern chronisch kranker Kinder. Die Kinder lernen dabei schnell die Schwächen der Eltern auszunutzen. Dadurch wird das Eltern- Kind- Verhältnis schwer belastet und eine Situation entsteht unter der die ganze Familie leidet. Ein Punkt ist z.B. die Bevorzugung gegenüber den gesunden Geschwistern. Damit wird dem anfallskranken Kind ein Sonderstatus eingeräumt. Die völlige Überbewertung der Krankheit, die Verheimlichung der Epilepsie oder die Abwendung vom Partner (weil das kranke Kind mehr Zeit braucht) kann ebenfalls zu Konflikten führen und den Bestand der Familie gefährden. Wenn Eltern ihr Kind derart verwöhnen, merken sie dies oft nicht. Sie sind überzeugt das Beste für ihr krankes Kind zu tun. Die andauernde Rücksichtnahme und fehlende Erziehungsmaßnahmen lassen die Kinder im späteren Leben am selbständigen Bewältigen der Alltagsprobleme häufig scheitern.

Einige Eltern wissen wie falsch eine verwöhnende Erziehung sein kann und verfallen in das gegenteilige Extrem: sie nehmen dabei wenig Rücksicht auf ihre Kinder und überfordern und strafen sie wegen ihren krankheitsbedingten Eigenarten. Auch an diesen übermäßigen Anforderungen können Kinder leiden und im späteren Leben scheitern.

Eine wichtige Voraussetzung für die erfolgreiche Erziehung eines epilepsiekranken Kindes ist, daß die Eltern die mit der Krankheit verbunden Vorurteile überwinden, daß sie ihr Kind lieben und anerkennen, so wie es ist und nicht so wie sie es gerne haben möchten. Wie schwer dies ist, wissen vor allem Eltern deren Kinder neben ihren Anfällen auch geistige Defizite aufweisen. Viele Erwartungen erfüllen sich nicht und manche Pläne für die Zukunft müssen begraben werden, ohne daß die Eltern dies entscheidend beeinflussen können. Hier immer die Kraft und Ruhe aufzubringen dieses Schicksal zu ertragen ist eine große Herausforderung für die Familien und muß immer wieder neu errungen werden. Aber jedes Kind, insbesondere das kranke Kind, braucht die Gewißheit, daß die Eltern zu ihm stehen. So gestärkt können die Kinder (auch die schwergeschädigten) Selbstvertrauen gewinnen und ihre Fähigkeiten voll entwickeln.

Wissenschaftliche Abhandlungen über anfallskranke Kinder und die soziale Problematik [6] ihrer Krankheit gibt es genügend, die Frage nach ihren gesunden Geschwistern bleibt jedoch meist ausgespart. Dabei hat die ständige Konzentration der Familie auf das anfallskranke Kind weitreichende Konsequenzen für die Entwicklung der Geschwister [7]. Auch hier gilt, die nichtbehinderten Kinder weder zu vernachlässigen noch zu überfordern.

Die vorliegenden Gedanken zu den Alltagsproblemen der Epilepsien des Kindesalters können nur einige der vielen Aspekte aufzeigen, mit denen die Betroffenen konfrontiert werden. Die gewonnenen Erkenntnisse stellen dabei keine Patentrezepte dar, sondern basieren auf Erfahrungen von Fachleuten und sollen dazu anregen, ganz individuell auf die eigene Situation zugeschnittene Lösungen zu finden.

Wie man dieser Herausforderung begegnet und wie man mit diesem neuen Leben fertig wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab: Eigenen Lern- und Lebenserfahrungen, der Familie, dem Partner, Freunden, Schule, Nachbarn, den Wohnverhältnissen usw. und vor allem ob man sein krankes Kind akzeptieren kann. Gelingt es den Eltern bei der schwierigen Erziehung ihres Kindes, zwischen Überbehütung und Überforderung das richtige Maß zu finden ist ein wichtiger Schritt zu einem zufriedenen Familienleben getan. Diese Zufriedenheit kann allerdings nur erreicht werden, wenn Eltern sich selbst für ihr eigenes Wohlbefinden Zeit nehmen dürfen. Sie haben das Recht auch ohne ihr krankes Kind Zeit miteinander zu verbringen, auch wenn das eigene Gewissen und gesellschaftliche Zwänge dies nicht immer zulassen wollen. Pestalozzi hat einmal sinngemäß ausgeführt: Es kann dem Kind nur so gut gehen, wie es den Erziehern, den Eltern geht. Übertragen auf Familien mit Anfallskindern bedeutet dies, je besser es allen geht, je besser geht es auch dem epilepsiekranken Kind.

Bleibt festzuhalten, daß viele Familien dieses Ziel erreichen und gelernt haben selbst schwierigste Probleme zu meistern und bereit sind sich auch zukünftig den Aufgaben zu stellen die bei der Betreuung von anfallskranken Kindern immer wieder auftreten können.

Literatur

1 Schneble, H. Krankheit der ungezählten Namen

Ein Beitrag zur Sozial-,Kultur- und Medizingeschichte der Epilepsie anhand ihrer Benennung vom Altertum bis zur Gegenwart. Huber-Verl. Basel (1987)

2 Wolf, P. / Wagner, G. / Amelung, F. Anfallskrankheiten

Nomenklatur und Klassifikation der Epilepsien der epileptischen Anfällen und anderer Anfallssyndrome. Springer-Verl. Berlin (1987)

3 Thorbecke, R. / Rating, D. Was denkt man über Epilepsie?

EMNID Befragung 1996 eine repräsentative Trendmessung zur Einstellung der Bevölkerung in der BRD zur Epilepsie Dt. Sektion d. ILE Epilepsie - Blätter Nov.1996 S.71-75

4 Puckhaber, H. Epilepsien im Kindesalter

Eine interdisziplinäre Aufgabe Medizin, Psychologie, Sozialarbeit, Familie Klotz-Verl. Eschborn (1994)

5 Boenigk, H.E. / Kassebrock, F. Dokumentation "Überbehütung?"

Referate des 2. Informationsforums: Epilepsie f. Eltern anfallskranker Kinder Bethel-Verl. Bielefeld (1997)

6 SVEEK Epilepsien im Schulalltag

Schweizerische Vereinigung der Eltern epilepsiekranker Kinder (SVEEK) Fragen, Antworten, Informationen Recom-Verl. Basel (1995)

Scheffner, D. Schulische und berufliche Entwicklungen von

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Schwager , H.J. Epilepsie eine Anfrage an die Pädagogik

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Möckel, A. Anfallskr. Kinder als Aufgabe der Heilpädagogik unter geschichtl. Aspekt

Aus: Wolf, P. Epilepsie 89 S.233-239 Einhorn-Press Reinbek (1990)

Tomiak, W. Kinder mit Epilepsie im Unterricht

Rechtliche u. psychologische Fragestellung aus der Sicht der staatl. Schulaufsicht

Aus: Wolf, P. Epilepsie 89 S.240-245 Einhorn-Press Reinbek (1990)

Ziegler, G. / Schneble, H. Grenzen pädagogischer Arbeit mit epileptischen Kindern

Aus: Wolf, P. Epilepsie 89 S.257-260 Einhorn-Press Reinbek (1990)

Schwager, H.J. u.a. Pädagogische Probleme und berufliche Chancen bei Epilepsie

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Freudenberg, D. Das anfallskranke Kind Pädagogischer Ratgeber für Eltern

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Bahrs, O. / Ritter, G. Historische Aspekte zur sozialen Einstellung

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Aus: Gross-Selbeck, G. Das anfallskranke Kind Rudat-Verl. Hamburg (1983)

Matthes, A. / Kruse, R. Der Epilepsiekranke

Ratgeber für den Kranken, seine Familie, für Lehrer, Erzieher und Sozialarbeiter

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Kassebrock, F. Psychosoziale Probleme bei Epilepsie

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Baum, O. / Füchtenschnieder, O. Das Dilemma der Eltern, ihre anfallskranken Kinder nicht lieben und nicht hassen zu dürfen - oder: Der Versuch eines

Pädagogen, die Dynamik in einer Familie mit einem anfallskranken Kind zu erfassen.

Aus: Wolf, P. Epilepsie 89 S. 296-302 Einhorn-Press Reinbek (1990)

7 Achilles, I. Und um mich kümmert sich keiner

Die Situation der Geschwister behinderter Kinder Piper-Verl. München (1995)

Seifert, M. Geschwister in Familien mit geistig behinderten Kindern

Eine praxisbezogene Studie Klinkhardt-Verl. Bad Heilbrunn (1989)

Hackenberg, W. Die psycho-soziale Situation von Geschwistern behinderter Kinder

Edition - Schindele Heidelberg (1987)

Hackenberg, W. Geschwister behinderter Kinder im Jugendalter

Probleme und Verarbeitungsformen. Edition Marenhold Berlin (1992)