Pressemitteilung |
Deutsche Sektion der Internationalen
Liga gegen Epilepsie e.V. |
Zum WHO-Tag der Gesundheit stellt die Deutsche Sektion der Internationalen Liga gegen Epilepsie den weiterhin aktuellen Text der sogen. Heidelberg-Erklärung zur Verfügung:
Bei einem Treffen in Heidelberg am 25. Oktober 1998 haben über 100 Leiter
europäischer Fachverbände und Laienorganisationen, Vertreter der WHO
und Gesundheitsexperten von Regierungen und Universitäten einstimmig die
folgende Erklärung verabschiedet:
- Sechs Millionen Menschen in Europa leiden derzeit an Epilepsie. Fünfzehn
Millionen erkranken an Epilepsie irgendwann im Laufe ihre Lebens.
- Epilepsie hat tiefgreifende körperliche, seelische und soziale Folgen.
- Bei Kindern, Jugendlichen und älteren Menschen werden Diagnose und ausreichende
Behandlung besonders häufig versäumt.
- Bei korrekter Behandlung könnten mehr als drei Viertel der an Epilepsie
Erkrankten ein normales Leben ohne Anfälle führen.
- Epilepsie kostet die Länder Europas alljährlich mehr als 20 Milliarden
ECU. Diese Summe ließe sich durch effiziente Maßnahmen erheblich
reduzieren.
Wir appellieren an die Regierungen in Europa, die Europäische Union und alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen, uns bei der Arbeit für die Ziele der von der WHO (Weltgesundheitsorganisation), der ILAE (International League against Epilepsy) und dem IBE (International Bureau Epilepsy) ausgerufenen weltweiten Kampagne gegen Epilepsie tatkräftig und entschieden zu unterstützen.
- das Verständnis für Epilepsie in der Öffentlichkeit zu verbessern
und dadurch das mit ihr verbundene Stigma abzubauen
- die Diskriminierung von an Epilepsie Erkrankten am Arbeitsplatz zu beseitigen
-den Betroffenen ein besseres Verständnis ihrer Erkrankung zu vermitteln
und sie zu befähigen, eine adäquate Behandlung anzustreben und ein
erfülltes Leben zu führen
- den Kenntnisstand der Angehörigen der Gesundheitsberufe und anderer Berufsgruppen
über Epilepsie in Ausbildung, Weiter- und Fortbildung zu heben - die Verfügbarkeit
moderner Geräte, Einrichtungen, ausgebildeten Personals und der ganzen
Palette der Medikamente gegen Epilepsie zu gewährleisten, so dass eine
exakte Diagnose gestellt und die erfolgreichste Behandlung daraus abgeleitet
werden kann
- die Forschung über Epilepsie und ihre Behandlung zu fördern
- eine enge Zusammenarbeit zwischen Regierungen, für das Gesundheits- und Sozialwesen Zuständigen und den nationalen Sektionen von ILAE und IBE zu fördern
- die Veröffentlichung eines Weißbuchs im Sinne einer detaillierten
gesundheitswissenschaftlichen Erhebung über Epilepsie in Europa zu unterstützen
- Ländern innerhalb und außerhalb Europas mit unterentwickelten Epilepsiediensten
praktische Unterstützung zu gewähren.
Epilepsie ist in jedem Land die am meisten verbreitete schwerwiegende Hirnkrankheit
und möglicherweise die am weitesten verbreitete Gesundheitsstörung
überhaupt. Sie kommt in allen Altersstufen vor, besonders in Kindheit und
höherem Alter, und in allen Rassen und sozialen Schichten. Weltweit leiden
mindestens 40 Millionen Menschen an Epilepsie. Hundert Millionen erkranken an
Epilepsie irgendwann im Laufe ihres Lebens.
Epilepsie wird weithin missverstanden, was Angst, Verheimlichung, Stigmatisierung
und das Risiko sozialer und rechtlicher Ächtung nach sich zieht. In einigen
europäischen Ländern wird Epilepsie noch nicht als Hirnfunktionsstörung
aufgefasst, und bis zu 40°/o der Epilepsiekranken können unbehandelt
bleiben, hier existiert eine Behandlungslücke. Die Lebenserwartung von
Menschen mit Epilepsie ist reduziert. In besonderem Risikogruppen kann die Mortalität
im Vergleich zum Bevölkerungsdurchschnitt auf das Doppelte und mehr ansteigen.
Die ILAE hat Empfehlungen ,,Angemessene Standards der Epilepsieversorgung in
Europa" veröffentlicht. Die Behandlung von Menschen mit Epilepsie
liegt jedoch häufig in den Händen von für diese Aufgabe unzureichend
ausgebildeten Fachleuten. In einigen Ländern sind Medikamente gegen Epilepsie
nicht regelmäßig zu bekommen oder unbezahlbar. In einer Reihe von
europäischen Ländern sind die diagnostischen Möglichkeiten mangelhaft
oder unzureichend. Obwohl Studien der WHO und Weltbank gezeigt haben, dass Epilepsie
eine beträchtliche wirtschaftliche Belastung bedeutet, haben nur sehr wenige
europäische Länder nationale Epilepsiepläne. Epilepsie hat
tiefgreifende körperliche, seelische und soziale Folgen:
- Viele Kinder mit Epilepsie erhalten keine zureichende Schulbildung.
- Die Beschäftigungslosenquote bei Epilepsiekranken ist überproportional hoch, was vor allem am mangelnden Wissen der Arbeitgeber liegt. Sie ist zwei- bis dreimal höher als die durchschnittliche Quote und liegt über der von Menschen mit anderen Behinderungen.
- Viele Betroffene verheimlichen ihre Erkrankung. Dies trägt zu sozialer
Isolation und verringertem Selbstwertgefühl bei und kann zu Hilflosigkeit
und Depressionen führen.
- Viele Epilepsiekranke wissen zu wenig über ihre Erkrankung. Frauen mit
Epilepsie sind oft unzureichend über Schwangerschaft und Geburt informiert.
- Die Lebensqualität älterer Menschen wird oft durch eine unerkannte
Epilepsie beeinträchtigt.
- Ein gravierendes Problem vieler Epilepsiekranker sind Einschränkungen
der selbstständigen Bewegungsfreiheit.
Die Ziele der weltweiten Kampagne gegen Epilepsie der WHO, der Internationalen
Liga gegen Epilepsie und des Internationalen Epilepsiebüros sind:
- die Wahrnehmung von Epilepsie als einer universellen, behandelbaren Gehirnkrankheit
in Öffentlichkeit und Fachwelt zu verbessern
- die Akzeptanz von Epilepsie im öffentlichen Leben auf ein neues Niveau
zu heben
- die öffentliche und fachliche Bildung über Epilepsie zu fördern
- die Bedürfnisse von Menschen mit Epilepsie auf nationaler und regionaler
Ebene festzustellen
- die Regierungen und Gesundheitsverwaltungen aufzufordern, sich den Bedürfnissen
von Menschen mit Epilepsie einschließlich Wahrnehmung, Bildung, Diagnose,
Behandlung, Versorgung, Hilfsangeboten und Vorsorge zuzuwenden.
Dieser Text kann nachgelesen werden in: Epilepsieblätter 12 (1999) 39 .
Der Originaltext in englischer Sprache ist erhältlich über das Sekretariat
der Internationalen Liga gegen Epilepsie (Frau I. Kujath, Epilepsiezentrum Bethel,
Maraweg 21, 33617 Bielefeld) oder die Webseite der Europäischen Epilepsie-Akademie
(http://www.eurepa.de).